Jazzpodium 2015 Interview Andreas Brunn

Im fast aktuellem Heft des Jazzpodium 2015-1 wurde ein doppelseitiges Interview mit Andreas Brunn veröffentlicht. Gegenstand dabei u.a. die neue FOR FREE HANDS CD „Kaleidoscope Freedom“. Hier ein Textauszug:

Jazz ist ein wunderbar offenes System – Andreas Brunn

2007 hatten wir den rastlosen Weimarer Förderer und Initiator multiethnischer Begegnungen im Porträt vorgestellt. Nach wie vor sind sein meist akustisches Gitarrenspiel, sein Komponieren und sein Faible für die ungeradzahligen Metren und Polyrhythmen Bulgariens markante Merkmale seiner Arbeit. Mit der von ihm gegründeten Jungen Musik Karawane zog er durch den Balkan und bis nach Finnland, und noch immer bringt er jungen Menschen das Conga-Spiel bei. Mit ihm verbinden sich unter anderem Gruppen wie For Free Hands, BalkaNova oder das Duo mit dem Stick-Virtuosen Hans Hartmann. Und so scheint heute im Interview vieles vertraut. Und doch ebenso vieles neu. Wie etwa sein Auftritt in Marokko im September 2014    Alexander Schmitz

… Marokko, Andreas, wie bist Du da überhaupt hingekommen? Warst Du früher schon einmal da?

Nein, das war das erste Mal. Das Engagement für For Free Hands hatte sich fast zufällig ergeben. Ich hatte etliche europäischen Festivals und Agenturen kontaktiert, die mir interessant erschienen. Und dann hatte sich ein belgischer Manager gemeldet, der auch in Belgien ein Festival organisiert, aber gleichzeitig für dieses Festival in Marokko die Programmleitung innehat und sehr an unserem musikalischen Konzept und unserer multiethnischen Besetzung interessiert war. Und er fragte uns, ob wir uns vorstellen könnten, mit einem marokkanischen Musiker oder einer marokkanischen Gruppe einen gemeinsamen Festivalbeitrag zu gestalten. Ich fand das sehr spannend, und er baute uns in „Jazz au Chellah“ ein, wo For Free Hands dann in Rabat gemeinsam mit dem marokkanischen Oud-Spieler Alaa Zouiten konzertierte. Er spielt auch Jazz mit der Oud, oft auf einer elektrischen.

Und wie war’s dann dort?

Es war eine unglaubliche Erfahrung. Chellah ist eine alte marokkanische Festung – eine wunderschöne Kulisse. Und 2000 Menschen hörten uns begeistert zu. Nach unseren Zugaben gab ich ein Interview für das marokkanische Fernsehen, in dem ich auch gesagt habe: „Die Welt braucht mehr kulturelle Brücken wie dieses Festival und weniger Mauern.“ Tags drauf erkannte mich ein Passant bei einem Spaziergang in der Medina von Rabat und schenkte mir spontan eine kleine Gimbri, ein Saiteninstrument, der Gnawa, womit er sich für das Konzert und das Interview bedanken wollte!

„Kaleidoscope Freedom“, das neue Album, ist ja eigentlich der Aufhänger für unser Gespräch, abgesehen von der Tatsache, dass unser erstes Gespräch vor acht Jahren stattfand.

„Kaleidoscope Freedom“ ist für mich ein sehr wichtiges Album. In einer schwierigen Lebensphase habe ich alle Energie in dieses Album gesteckt. Es ist für mich ein musikalisches, aber auch ein inhaltliches Statement! Und natürlich habe ich mich in den acht Jahren ja auch weiter entwickelt in meiner Art zu denken und zu komponieren.

Aber an Deiner stilistischen Philosophie hat sich ja wahrscheinlich nicht viel geändert – Jazz mit europäischen Elementen, ungerade Metren , Bulgarien…

Ja, und als neuer Schwerpunkt sind bei den letzten Kompositionen polyrhythmische Konzepte dazugekommen. Also, ich verwende z. B. ein Balkan-Metrum, aber gleichzeitig auch einen normalen 4/4, und dann gestalte ich die Komposition so, dass beides gleichberechtigt zu hören ist, wie etwa in „Perpetuum five“ auf „Kaleidoscope Freedom“. Da entsteht eine Art rhythmische Spielweise und man kann sich dann z. B. im Solo aussuchen, über welches der Metren man improvisiert. Man hat, kurz gesagt, die Freiheit, zwischen zwei gleichzeitig laufenden Timestreams hin und her zu switchen. Sehr spannend.

Das ist ja wie im Jazz inside/outside zu spielen…

Genau. Es ist eine Art rhythmisches Inside/Outside Spielen. Inspiriert hat mich da auch Avishai Cohen. Er komponierte wunderbare Polyrhythmik, z. B. auf der Pianotrio-Platte „Gently Disturbed“.

„East Side Story“ mit Vladimir Karparov und jetzt „Kaleidoscope Freedom“ mit FFH – das sind Titel, durch die auch zeitgeschichtliche Assoziationen geweckt werden.

1988 bin ich nach Ostberlin in eine Wohnung in unmittelbarer Nähe der Mauer gezogen und hab` den Mauerfall quasi hautnah erlebt und die Entstehung der East Side Gallery und ihre weitere Entwicklung. Dieses Stück Mauer hat für Berlin eine besondere Bedeutung, denn hier hat sich die Euphorie der Mauerüberwindung künstlerisch manifestiert. Im November hat sich der Mauerfall zum 25. Mal gejährt. Ich wollte diesen CDs eine Botschaft mitgeben. Eine Hommage an die Freiheit und das Gute in der Musik und das Gute in der Menschheit. Das hat mit meiner eigenen Geschichte zu tun, z. B. meinen Erfahrungen mit der Stasi-Haft, aber auch mit vielen sehr bedenklichen Entwicklungen in der jüngsten Vergangenheit. Das muss nicht im Mittelpunkt stehen, denn da steht und bleibt die Musik. Aber wichtig ist mir diese Botschaft doch. 

Spielst du eigentlich noch mit Hans Hartmann zusammen?

Ja, und dazu gibt’s sogar aktuelle Neuigkeiten. Hans und ich sind diesjährige Preisträger beim Studiopreis Jazz der Berliner Senatskanzlei für Kulturelle Angelegenheiten. Hans war ja Gründungsmitglied von For Free Hands und spielt als fast Einziger den Chapmanstick im Jazz. Er ist jetzt 72, und nächstes Jahr feiern wir unser 20jähriges Bühnenjubiläum. Das Motto unseres Duos ist ja die „Die 19 Saiten Tour!“ (12saitiger Stick & akustische Sevenstring-Gitarre). Ein hübscher Zufall, dass wir im 19. Jahr unserer Zusammenarbeit eine CD unter diesem Motto aufnehmen.

Jazzpodium-2014-AB-1

Jazzpodium-2014-AB-2

 

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